Offener Brief von Heinz Hollerweger,                                        22.02.2025

 

Werte Stadtväter: mütter,

mit Interesse verfolge ich die Initiative „Schöner Römerberg“ und habe dabei auch Ihre Reaktion darauf in den OÖN zur Kenntnis genommen.

Leider muss ich sie in 1-2 Punkten doch deutlich korrigieren

  • Was sich als „maßvolle Nachverdichtung , während gleichzeitig auf den Bestand Rücksicht genommen werde.“ relativ harmlos liest , ist de facto eine längerfristige Vernichtung von Werten der Stadt – und zwar nicht nur der individuellen, sondern auch der öffentlichen..
    Ich denke ich brauche nicht zu schildern, dass es mannigfache Beispiele einer solchen Entwicklung gibt, es existieren mittlerweile auch validierte Berechnungsmodelle zur Bebauung, die genau eine solche Wertevernichtung ausweisen und vorhersagen können.
    Die betroffenen Viertel starten stets in der ähnlichen Ausgangslage einer relativ einfachen Vorstadtbebauung , deren Attraktivität mangels früherer Mobilitätsmöglichkeiten alleine durch die täglich zurückzulegende Entfernung zum Arbeitsplatz begrenzt war.
    Mit zunehmender Massemobilität hat das Infrastrukturargument an Bedeutung verloren, die entsprechenden Viertel durch lockere Bebauung und relativ viel Grün an Wert gewonnen. In vielen Fällen haben dann zuerst die Erben der Erbauer, später Immobilien Heuschrecken begonnen, die Viertel finanziell auszucashen, indem eine maximal mögliche Bebauung (=Geschoßflächen) und damit maximal möglicher Gewinn durch Eigentumsverkauf realisiert wurden.
    Dabei wurde/ wird streng nach wirtschaftlichen Kriterien geplant, jeder historische und städtebauliche Ästhetikaspekt hintangestellt, sofern er nicht vorgeschrieben ist. Die Folge : durch immer weniger Grün und zugeparkte Straßen nimmt die Attraktivität mittelfristig ab und die Werte sinken bzw verfallen – und das nicht nur für die jeweiligen Eigentümer, sondern für die ganze Stadt – die Reaktion darauf :  um gegenzusteuern, wird noch dichter bebaut – die Werte gehen noch schneller in den Keller – die Viertel werden unattraktiv, die Bebauung verfällt zusehends, weil sich nichts Erhaltenswertes mehr findet. Die Stadt erleidet mit jedem weiteren verfallenen Stadtteil eine Reduktion ihrer Wertentwicklung. (Weil dann niemand mehr in Wohnbau investiert, enden in einigen Beispielen die Viertel als Industriezone- eine soziale wie wirtschaftliche Katastrophe)
  • Ist diese Spirale mal in Gang gesetzt, ist sie ab einem gewissen tipping point durch nichts mehr aufzuhalten. Im Umkehrschluss – das Unterlassen von Regelungen zum Charaktererhalt ist gleichzeitig vorsätzliche Wertvernichtung. Ein Schutz eines Einzelobjektes ist zwar begrüßenswert und gut gemeint , für den Werteverfall eines Viertels hilft er wenig, denn genauso wie ein Bild einen Rahmen benötigt, brauchen auch Bau(kunst)werke die entsprechende Einbettung.
  • Das Argument der fehlten rechtliche Rahmenbedingungen kann mE nicht gelten, es existieren in mehreren europäischen Städten Initiativen und Beispiele, die genau das verhindert haben. Aus Österreich möge nur der Spittelberg in Wien als Beispiel dienen.


Der Römerberg ist bereits erodiert, aber noch ließe sich durch entsprechende Regelungen – und das bedeutet nicht automatisch voller Denkmalschutz - eine weitere Zerstörung verhindern !

Nun hat Linz natürlich bezüglich Ver(sch)wendung öffentlicher Werte einen gewissen Ruf zu verlieren, aber ich gehe doch davon aus , dass Sie als neu gewähltes Führungsteam der Stadt kein weiteres Interesse an diesem Ruf haben

Ich hoffe die Thematik konkret genug geschildert zu haben, um auch eine ebensolche Antwort erwarten zu dürfen, um die ich gleichzeitig ersuche, gerne auch an die oben in CC Genannten.

 

Mit besten Grüßen

Heinz Hollerweger

 

PS mir ist natürlich auch klar, dass ein Häuflein von Römer – oder Ex Römerberglern der Generation 65+, kein großes Momentum für Initiativen der Stadt darstellt– aber seien Sie versichert, Sie tun dies weder für sich noch für uns sondern für die Generationen zukünftiger Linzer, die wieder stolz auf die Schönheiten ihrer Stadt sein wollen.

Und noch eines ist mir klar – solche Schreiben werden liebend gerne mit Allgemeinplätzen wie fehlenden Zuständigkeiten, Rechtslagen usw beantwortet – versteh ich gut – nur das hilft in diesem Fall weder Ihnen noch uns und schon gar nicht dem geschundenen Römerberg – daher bitte ich – ich denke im Namen aller - um möglichst konkrete Antworten  

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HÖCHSTE ZEIT, MAL WIEDER THOMAS BERNHARD ZU ZITIEREN.

»Die Widerwärtigsten und die Gemeinsten haben alles in der Hand und sind drauf und daran, alles, das etwas ist, zu zerstören. Leidenschaftliche Zerstörer sind am Werk, rücksichtslose Ausbeuter, die sich den Mantel des Sozialismus umgehängt haben. Die Regierung betreibt eine ungeheure Vernichtungsmaschine, in welcher tagtäglich alles vernichtet wird, das mir lieb ist. Unsere Städte sind nicht wiederzuerkennen, sagte ich, unsere Landschaft ist in großer Breite eine unansehnliche geworden.«

(Thomas Bernhard, „Auslöschung – Ein Zerfall”)

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Text eines Bewohners

Hassliebe Linz

„In Linz geboren, allein das ist ein fürchterlicher Gedanke.“, schrieb Thomas Bernhard 1988 und es ist nicht leichter geworden.